Geschichte

Munitionsanstalten der deutschen Wehrmacht

Nach der sogenannten "Machtergreifung" der Nationalsozialisten im Deutschen Reich im Jahr 1933 begann eine immer massiver und immer offener betriebene Aufrüstung der bis dahin durch den Vertrag von Versailles (1919) eingeschränkten Reichswehr (ab 1935 Wehrmacht) im Hinblick auf eine aggressive Außenpolitik und zukünftige Kriege.

Zu den verstärkt ab etwa 1935 ohne Rücksicht auf die Staatsfinanzen und die Volkswirtschaft "aus dem Boden gestampften" militärischen Einrichtungen der deutschen Wehrmacht zählten auch die sogenannten Munitionsanstalten (abgekürzt unter dem Begriff "Muna"). Hauptaufgabe der Munitionsanstalten war die Fertigstellung von im Kriegseinsatz verwendungsfähiger Munition aus den von der Rüstungsindustrie angelieferten scharfen und unscharfen Bestandteilen. Die Munition wurde dann verpackt und in den Munitionsanstalten jeweils bis zu einer Anforderung durch die Truppe gelagert und instandgehalten. Insgesamt bestanden im Deutschen Reich sowie zum kleinen Teil auch in den während des Zweiten Weltkrieges besetzten Gebieten Europas zwischen 1933 und 1945 rund 370 Munitionsanstalten, die von den drei Wehrmachtsteilen - Heer, Kriegsmarine, Luftwaffe - betrieben wurden.

Einheimische Dienstverpflichtete vor einem Munitionsarbeitshaus in der Muna, um 1940.

Bau und Infrastruktur der Luftmunitionsanstalt Hartmannshain

Im April 1936 begannen im Oberwald, rund zwei Kilometer westlich der Ortschaft Grebenhain bzw. nördlich des Dorfes Bermuthshain die Bauarbeiten für eine Munitionsanstalt der Luftwaffe. Ausschlaggebend für die Wahl des Standortes waren - wie bei allen Munitionsanstalten - das ausgedehnte Waldgelände, das eine Tarnung gegen feindliche Luftaufklärung versprach, und die in der Nähe vorbeiführende Eisenbahnstrecke zum Transport von Munition und Munitionsteilen. Die Gesamtfläche betrug rund 176 Hektar.

Wie alle Munitionsanstalten der Wehrmacht war die Luftmunitionsanstalt Hartmannshain in vier verschiedene Funktionsbereiche gegliedert. Im Wohngebiet befanden sich die Wohnhäuser für die leitenden Offiziere und die im Umgang mit der Munition geschulten "Feuerwerker". Zum Verwaltungsgebiet gehörten das Verwaltungsgebäude, die beiden Kasernen, das Kasino und die Werkstätten sowie Fahrzeuggaragen. Das eigentliche "Herz" der Muna war das Arbeitsgebiet mit den Munitionsarbeitshäusern. Hier fanden die eigentlichen Munitionsarbeiten wie das Bezündern von Bomben und die Verpackung in Munitionskisten statt.

Den größten Teil der Muna nahm das Lagergebiet mit rund 120 oberirdisch errichteten Bunkern ein, Hier lagerten die fertige Munition und die Munitionsteile. Während des Krieges wurde die Muna außerdem zur Einlagerung von Ausrüstung der Luftwaffe sowie erbeuteter feindlicher Munition genutzt. Sämtliche Gebäude und Bunker in der Muna waren nach reichsweit einheitlichen Plänen errichtet. Die Muna verfügte über eine aufwändige und für die damalige Zeit hochmoderne Infrastruktur. Dazu gehörte ein eigenes Stromnetz und eine Kanalisation sowie asphaltierte Straßen und ein Anschlussgleis.

Die Arbeitskräfte der Luftmunitionsanstalt Hartmannshain

Bis zu 800 Menschen arbeiteten während des Zweiten Weltkrieges in der Muna - die wenigsten davon aus freiem Willen. Zu den rund 20 Angehörigen der Luftwaffe kam noch eine Wachmannschaft. Das zivile Personal  bestand bis 1943 aus sogenannten Dienstverpflichteten, die aufgrund eines im Herbst 1938 erlassenen Reichsgesetzes zur Arbeit in der Muna verpflichtet wurden. Die meisten von ihnen kamen aus der Umgebung der Muna. Viele der Dienstverpflichteten waren ältere Männer und vor allem Frauen.

Durch Einberufung der meisten jüngeren Männer zur Wehrmacht bestand in der deutschen Kriegswirtschaft bereits 1941/42 ein zunehmender Mangel an Arbeitskräften - so auch in der Luftmunitionsanstalt Hartmannshain. Das NS-Regime entschloss sich zum massenhaften "Arbeitseinsatz" von Millionen von gegen ihren Willen aus den deutsch besetzten Ländern Europas verschleppten Zivilisten. Ab Anfang Juli 1943 mussten auch in der Muna ausländische Zwangsarbeitskräfte arbeiten. Es handelte sich dabei hauptsächlich um rund 110 junge Frauen und Mädchen aus der nordöstlichen Ukraine. Sie mussten unter anderem Splitterbomben mit Zündern versehen und in Abwurfbehälter einsetzen. Dabei kam es 1944 zu einer Explosion mit drei Toten. Neben den jungen Ukrainerinnen mussten ab 1944 auch italienische "Militär-Internierte" in der Muna Zwangsarbeit leisten. Untergebracht waren die Zwangsarbeiterinnen in einem Barackenlager in Bermuthshain.

Das Ende der Muna im März 1945

Die Fertigstellung von Luftwaffen-Munition in der Muna verlief während des Zweiten Weltkrieges fast ungestört. Am 22. März 1945 wurde dann ein fast vollbeladener Munitionszug auf dem Anschlussgleis der Muna von amerikanischen Jagdbombern entdeckt und angegriffen. Es kam zu heftigen Explosionen und schweren Schäden im Arbeitsgebiet der Muna. Zum Zeitpunkt des Angriffs hatten amerikanische Panzerverbände bereits den Rhein überschritten. Auf Befehl "von Oben" wurden die nahezu vollständig mit Munition gefüllten Bunker der Muna in den letzten Märztagen 1945 von einem deutschen Sprengkommando gesprengt. Dadurch wurde ein Gebiet von etwa 450 Hektar im Oberwald für viele Jahrzehnte mit gefährlichen Munitionsrückständen verseucht. Erst 2013 konnte die langwierige und kostspielige Entmunitionierung abgeschlossen werden.

Aus Richtung Gedern rollten am 29. März 1945 die ersten amerikanischen Panzer in Grebenhain ein. Andere amerikanische Truppen stießen von Süden her am 31. März 1945 auch nach Bermuthshain vor. Im Chaos und der Anarchie in den ersten Wochen nach dem amerikanischen Einmarsch wurde das verlassene Gelände der Luftmunitionsanstalt Hartmannshain von befreiten Zwangsarbeitern und vor allem von Einwohnern der umliegenden Dörfer ausgeplündert. Ein großer Teil des Inventars "wanderte" dabei in private Hände.

Nach dem Luftangriff 1945: Die Ruine eines Packmittelschuppens, dahinter ein Teil des ausgebrannten Munitionszuges.
Im Vordergrund liegt ein Stapel von Abwurfbehältern für den Einsatz der Splitterbombe SD 1.

Die Muna als ziviles Industriegebiet

Im Sommer 1946 gab die amerikanische Militärregierung das bisherige Muna-Gelände für eine zivile Nutzung frei. Daraufhin siedelten sich zahlreiche kleinere und mittlerere Industriebetriebe an. Sie existierten zwar meist nur wenige Jahre, boten aber in der Nachkriegszeit zahlreichen Menschen Arbeit. Es waren vor allem Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten und dem Sudetenland sowie Flüchtlinge aus der Sowjetischen Besatzungszone (der späteren DDR), von denen die Initiative zur Gründung dieser Firmen ausging. 1966 siedelte sich die Grebenhainer Kartonagen GmbH an, ein Filialbetrieb der Verpackungsmittelfirma Stabernack aus Lauterbach. Sie firmiert heute unter dem Namen STI Grebenhain Display & Verpackung GmbH und ist nach wie vor der wichtigste Arbeitgeber in der Gemeinde Grebenhain.

Im früheren Verwaltungsgebiet der Muna existiert seit 1974 die Oberwaldklinik, eine Fachklinik für Gefäß- und Enddarmerkrankungen. Im ehemaligen Arbeitsgebiet wurde 1957 vom West-Berliner Stadtbezirk Reinickendorf ein Ferienlager vor allem für sozial benachteiligte Kinder eingerichtet. Als Freizeit- und Übernachtungsstätte "Auf dem Schershain" öffnete es sich nach der deutschen Wiedervereinigung auch für andere interessierte Gruppen.

Das NATO-Versorgungslager Grebenhain

Vor dem Hintergrund der weltpolitischen Lage im "Kalten Krieg" kam es ab 1982 zeitweise erneut zu einer militärischen Nutzung in Teilen des früheren Muna-Geländes. Die militärischen Planer der NATO gingen im Ernstfall von einem massiven Vorstoß sowjetischer Panzerverbände durch das sogenannte "Fulda Gap" am Vogelsberg vorbei in Richtung Frankfurt am Main aus. Auf einer Fläche von 22 Hektar entstand ein Depot zur Lagerung von konventioneller Munition sowie Versorgungsgütern und Treibstoff. Schon nach wenigen Jahren verlor das NATO-Versorgungslager Grebenhain durch das Ende des "Kalten Krieges" und die deutsche Einheit seine Bedeutung und wurde aufgegeben. Seit dem Jahr 2000 ist die Gemeinde Grebenhain der Eigentümer des NATO-Lagers. Die Bunker und Hallen werden seither als Lagerraum an Firmen und Privatpersonen vermietet.

Bau von Bunkern im NATO-Versorgungslager Grebenhain, 1980/81.